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(Formel–1 Rückblick und Formel–1 2002)

Faszination Motodrom Hockenheim

Hockenheim – Eine Stadt im Belagerungszustand. Alle Jahre wieder am letzten Juli–Wochenende. Zwanzigtausend Einheimische ergeben sich der Übermacht, in die Gefangenschaft derer, die sich hier verabredet haben. Egal, ob sie mit dem Wohnmobil aus Finnland angereist sind, im weißen Ferrari aus Hannover oder mit dem Motorrad. Alles, was an landwirtschaftlicher Nutzfläche zur Verfügung steht, wird nun Zeltplatz genannt. Ein Meer von temporären Wohneinheiten – eine logistische Meisterleistung der verantwortlichen Organisatoren.

Hockenheim an einem Tag im Juli. Es ist heiß. Der nahe Flugplatz in Mannheim meldet die höchste Temperatur der Republik. Die Einwanderer erkennen sich gegenseitig an ihren roten Kappen. Und die Einheimischen hängen aus Solidarität rote Fahnen aus dem Fenster. Die Apotheke in der Fußgängerzone hat an der verkaufswirksamsten Stelle Packungen mit Ohrenstöpseln zu einem Berg gestapelt. Von den Rotkäppchen werden sie verächtlich verschmäht.

Der Klang der Motoren verrät die Richtung, in der sich die Rennstrecke befinden muss. Schilder sind überflüssig. Frau M. steht in der Toreinfahrt ihres Einfamilienhauses und beobachtet die Karawane, die an ihrem Vorgarten vorbeizieht. Sie stellt sich als offen und kontaktfreudig heraus. Ob sie dieser Aufmarsch störe und ob ihr der Motorenlärm auf den Wecker gehe? "Keineswegs, das ist für uns wie Urlaub. Drei Tage Ausnahmezustand, aber unterhaltsam." Sie interessiert sich nicht für den Großen Mobil–1–Preis von Deutschland, dieses Rennsportereignis, das fast in ihrem Vorgarten stattfindet.

So langsam füllt sich das gewaltige Rund. Rot–, Gelb– und Silberkäppchen machen es sich auf ihren Plastiksitzen bequem. Das Motodrom mit seinen rund 70.000 Besuchern ist am Ende randvoll, die Stimmung überwältigend. Den Machern sei Dank, die den Bau dieser tollen Arena 1964 in Angriff nahmen.

Im Fahrerlager tummeln sich derweil die VIP´s . In Barbara Eligmanns Brille spiegelt sich die Haupttribüne des Hockenheimrings. Sie hat ein paar Minuten warten müssen, weil die Plastikkarte, die ihr an einem Band um den Hals baumelt, offensichtlich nicht funktioniert. Auf jeden Fall hat das Sicherheitssystem ihr den Zutritt zum Pressezentrum verwehrt. Jetzt hat sie Gelegenheit, die tuschelnde, unsichere Menschenmenge, die sich um sie gebildet hat, zu erlösen: "Ja, ich bin die Barbara Eligmann". Kein Zweifel. Kurz darauf entschwindet sie in den Pressebereich. "In echt sieht sie ja viel besser aus als im Fernsehen", raunen sich zwei Frauen zu. Dazwischen immer wieder Motorengeräusche. In ihrem Klang klar umrissen, ohrenbetäubend für die ohne Gehörschutz.

In der Pause zwischen "Warm Up" und Rennen, bei Ferrari wird gerade Michael Schumachers Rennanzug mitsamt der Unterwäsche zum Trocknen in die Sonne gehängt, sammeln sich die "Pit Walk"–Teilnehmer im Innern der Rennstrecke, im Fahrerlager. Für eine Stunde öffnet sich die Boxengasse. Menschen quellen hinein, die für einen Blick in die Ferrari–, McLaren–Mercedes– oder BMW–Garage viel Geld bezahlt haben. Bekannte Gesichter in der Menge bleiben unerkannt. Alexandra Kamp zum Beispiel, aufstrebende junge Schauspielerin und gänzlich im Grün des Jaguar–Teams gewandet. Niemand bemerkt sie. Andere haben es leichter. Niki Lauda oder Ben Becker. Andere Gesichter kommen einem irgendwie bekannt vor. Aber die Augen verstecken sich hinter modischen schwarzen Brillengläsern. Christoph Gottschalk, natürlich. Christian Danner, ja, klar, aber wie heißt noch mal der ehemalige Vorsitzende der FDP? Fünf Prozent der älteren werden ihn noch kennen. Die eigentlich Wichtigen dieses Wochenendes sind jedoch nirgends zu sehen: die Rennfahrer. Michael Schumacher, Mika Häkkinen und Co. machen sich rar. Kollektive Fahrerflucht. Sie konzentrieren sich auf den Start, besprechen letzte Details mit ihren Ingenieuren. Juan–Pablo Montoya steht in der Pole Position. Er hatte im Zeittraining seinen BMW–Williams am schnellsten über den Grand–Prix–Kurs gesteuert.

Und während die Mechaniker dabei sind, in ihren klinisch sauberen Boxen die Vorbereitungen für das Rennen zu treffen, spielen sich auf den Zeltplätzen Verbrüderungszenen ab. Vom Konkurrenzkampf nichts zu spüren. Bestenfalls geht es zwischen dem Besitzer des finnischen Wohnmobils und des deutschen Wohnwagens mit Zeltanbau darum, wer in seinem Vorgarten die meisten Bierdosen gestapelt hat. Die Finnen liegen klar im Rückstand. "Nach dem dritten Bier sind wir Freunde", beschreibt einer der Beteiligten die Grundlage der guten Nachbarschaft. Die hält mindestens bis zum eigentlichen Rennen.

Das Rennen: Fast hätte es mit einer Tragödie begonnen. Für Luciano Burti und Michael Schumacher. Letzterer kommt über ein leichtes Anrollen beim Start nicht hinaus, bleibt fast stehen und dient unfreiwillig als Startrampe für Luciano Burti, der dem Ferrari–Piloten nicht mehr ausweichen konnte. Ein spektakulärer Flug durch die Luft, die von den 70.000 auf den Tribünen angehalten wird. Beide steigen unverletzt aus ihren Wracks. Die Strecke ist übersät von Trümmerteilen. Rennabbruch. Schumacher und Burti steigen in ihre Ersatzautos. Neustart. Es dauert nicht lange, da fahren vier der Favoriten schon nicht mehr mit: Michael Schumacher, David Coulthard, Juan–Pablo Montoya und Mika Häkkinen sind wegen technischer Probleme ausgeschieden. Die Hochgeschwindigkeitspiste Hockenheimring fordert wieder einmal ihren Tribut. Und schon lichten sich die Reihen und viele Enttäuschte räumen ihren Sitzplatz.

Der Rennverlauf wird nebensächlich: Als erster sieht Ralf Schumacher (was viele Schumacher–Anhänger wieder tröstet) die schwarzweiß karierte Flagge. Und durch das Ausscheiden einiger Topfahrer kommen auch mal die Teams zum Zuge, die sonst immer nur hinterher fahren. Giancarlo Fisichella und Jenson Button, beide im Benetton–Renault, zwei, die normalerweise das Feld von hinten sehen, haben es auf Platz vier und fünf geschafft. Sie liegen sich nach dem Rennen in den Armen. Es folgt die Siegerehrung und dann werden die Absperrgitter zur Strecke geöffnet. Menschen fallen auf die Knie. Berühren mit ihren Lippen den Asphalt, ein religiöser Akt. Andere mit verklärten Gesichtern oder in sich versunken, wie zum Gebet. Als Reliquien werden Teile des Startunfalls im Kiesbett gesucht.

Jetzt strömt die Menschenmenge von der Rennstrecke. Vorbei am Vorgarten von Frau M., die gerade damit beschäftigt ist, drei Nullfünfer Bierdosen zwischen den Stiefmütterchen aufzulesen. Nun ist es vorbei. Bis zum nächsten Jahr.

Das Rennen auf der großen Grand–Prix–Schleife war das letzte auf dieser ür die Technik der Formel–1–Rennwagen so anspruchsvollen Strecke. Der Hockenheimring wird umgebaut. Die langen Waldgeraden werden verschwinden.

Und mit dem Umbau der traditionsreichen Rennstrecke scheint dem Ingenieurbüro Tilke (Aachen), das sich auch für die neue Grand–Prix–Strecke in Malaysia verantwortlich zeichnete, erneut ein ganz großer Wurf gelungen. Der neue Streckenverlauf wurde von 6,8 auf 4,5 km verkürzt und bietet alle Möglichkeiten einer modernen Formel–1–Rennstrecke. Vor allem die Tribünen an der Einfahrt der alten Strecke in den neuen Kurs sowie an der Spitzkehre bieten den Fahrern beste Überhol– und den Besuchern hervorragende Sichtmöglichkeiten.

Die ganz große Herausforderung für die Formel–1–Technik, die es in den bisherigen 25 Formel–1–Rennen seit 1970 auf den endlos langen Waldgeraden gab, bietet die neue Strecke wohl nicht mehr. Trotzdem bleibt der Hochgeschwindigkeitscharakter erhalten, erreichen doch die Boliden auf der fast 1 km langen Parabolica 315 - 320 km/h.

McLaren–Mercedes ( David Coulthard / Kimi Raikkönen ) und BMW–Williams ( Ralf Schumacher / Juan–Pablo Montoya ) scheinen in der Saison 2002 die größten Herausforderer von Weltmeister Michael Schumacher zu sein. Das neue Mercedes–Triebwerk leistet satte 860 PS und damit etwa 10 PS mehr als die Konkurrenz von BMW–Williams und Ferrari. Doch der Motor muß auch standfest sein. Und in dieser Hinsicht hatten sowohl McLaren–Mercedes als auch BMW–Williams in der vergangenen Saison einige bittere Pillen zu schlucken, während das Ferrari–Triebwerk sehr zuverlässig agierte.

Fest steht, dass die geänderte und verkürzte Streckenführung des Hockenheimrings für alle Teams und Fahrer neu sein wird. Völlig neu im Formel–1–Geschäft dagegen ist TOYOTA. Wie alle Formel–Neulinge werden sich die Japaner, deren Formel–1–Fabrik in Köln steht, gegen die Etablierten schwer tun. Aber einschüchtern lassen sich die Mannen um Teamchef Ove Andersson nicht. Mika Salo und Allen McNissh werden schon für die eine oder andere Überraschung sorgen.

Eine wichtige Nachricht zum Schluß: Die Formel–1 bleibt auf jeden Fall bis 2008 in Hockenheim! Die FOA, an ihrer Spitze Bernie Ecclestone, und die Hockenheim–Ring GmbH einigten sich über diese Vertragslänge mit einer weiteren 5jährigen Option.
Das wird alle Formel–1–Fans freuen, gehört doch der Große Mobil–1–Preis von Deutschland zu einem Höhepunkt im Formel–1– Weltmeisterschaftskalender.


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© Müllerschön – Schmelzer, 2002